
Seit einigen Wochen wohne ich bei der kleinen Shamchat (die Wohnung gehört jetzt ihr). Shamchat heißt auch Minimiez - Sie verstehen, sie ist noch so klein. Und wegen ihres herrlichen Hitlerbärtchens nennen wir sie manchmal auch Winimiez. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die originale SHAMCHAT war eine „Dirne” aus Uruk, eine Dienerin der Liebesgöttin INANA. Shamchat spielt die Hauptrolle in der ersten und zweiten Tafel des Gilgamesch-Epos, und wird weiters in der achten Tafel erwähnt (wo sie dann die Schuld an allem bekommt).
Im Text heißt es, Shamchat verfüge über große kuzbu - sexuellen Reiz - und über die „Künste des Weibes”. Mit diesem ihrem kuzbu lockt sie ENKIDU aus dem Wald.
ENKIDU, der wilde Riese aus der Steppe, der Urmensch und einziger Rivale von König GILGAMESCH, wird durch Shamchat - die Tempelhure - zivilisiert. Nachdem sich Enkidu sechs Tage und sieben Nächte mit Shamchat gepaart hat, will er zu seiner Herde zurück.
Aber die Tiere stürmen davon - angeblich angeekelt von seinem neuen Geruch - und Enkidu begibt sich in Shamchats Hände. Enkidu wird von der Shamchat zu einem kulturellen Wesen erzogen, also zum Menschen gemacht. Die Hure wird hier zum Kultur vermittelnden Wesen: Nach der sexuellen Initiation weiht Shamchat ihn in die Künste des Essens, Trinkens, Badens und der Bekleidung ein.
Was als „Dirne” oder „Tempelhure” übersetzt wird, heißt im Akkadischen harimtu - eine kultische Verehrerin der Göttin ISCHTARs - wobei der Titel vom Verb haraamum [1] abstammt, was bedeutet: „abdecken, bedecken”. Was uns eigentlich auch nicht wirklich weiterbringt. Laut Michael Jursa ist die Shamchat „ein Freudenmädchen; das verwendete Wort hat jedenfalls keine negativen bzw. abwertenden Konnotationen.” [2]
Die Mär der Tempelprostitution bei den Babyloniern allerdings stammt aus seltsamen Interpretationen Herodots, der des Öfteren über Dinge berichtet, die er nur vom Hörensagen kannte - innumerabiles fabulae, wie es Cicero schon sagte.
Shamchats Name ist eine weibliche Form des Akkadischen Adjektivs shamhu, vom Verb ̩shamaahum, was als „prächtig, glänzend, herrlich, großartig sein” [3] übersetzt werden kann. Shamchat bedeutet also „die Prächtige”.
Meine kleine Shamchat ist erst 3 Monate alt, also mit dem kuzbu geht’s noch. Allerdings ist sie ein sehr verführerisches kleines Ding, und ein kultiviertes kleines Untier: Sie bevorzugt Bücher zum zernagen & Papierknäuel zum Spielen und klaut mir dauernd meine Kugelschreiber. In den Garten hinaus will sie nicht, echte Mäuse interessieren sie überhaupt nicht - nur die Plüschvariation macht sie wild. Sie spricht jetzt Deutsch und Italienisch und wenn sie ein bisschen älter ist, fangen wir mit Akkadisch und Sumerisch an. Cleveres Fauchbiest.
Prächtig, glänzend, herrlich und großartig ist sie auf jeden Fall.
»Das ist er, Schamchat, entblöße deine Brust!
öffne deine Scham, dass er deine Reize nehme!
Schrecke nicht zurück, nimm seinen Atem hin!
Er wird dich sehen und sich dir dann nähern
Breite deine Kleider aus, auf dass er auf dir liege.
Wirke an ihm, an ihm, dem Ur-Menschen,
mit den Künsten des Weibes!
Seine Liebe wird dich umschmeicheln.
Fremd wird ihm seine Herde (dann) sein,
in deren Mitte er aufwuchs!
Da löste Schamchat ihr Untergewand.
Sie öffnete ihre Scham, und er nahm ihre Reize.
Nicht schreckte sie zurück, seinen Atem nah
Sie breitete ihre Kleider aus, und er lag dann auf ihr.
Sie wirkte an ihm, an ihm, dem Ur-Menschen,
mit dem Künsten des Weibes.
Seine Liebe umschmeichelte sie (da).
Sechs Tage und sieben Nächte stand Enkidu aufrecht
und paarte sich mit Schamchat.
Als er sich an ihre Lust gesättigt,
wandte er sein Gesicht auf seiner Herde zu.
Es sahen Enkidu, und stürmten davon die Gazellen,
die Herde der Steppe wich zurück vor seiner Gestalt.
Beschmutzt hatte Enkidu seinen ganz reinen Körper,
still standen da seine Knie, die sonst gewohnt, mit der Herde zu laufen.
Geschwächt war da Enkidu, sein Laufen war nicht mehr so wie zuvor.
Doch mit einem Male besaß er Verstand,
und tief war sein Einsicht.
Er kehrte zurück und setzte sich nieder, der Dirne zu Füßen.
Der Dirne sieht er ins Gesicht,
und was die Dirne spricht, vernehmen (auf einmal) seine Ohren. [4]
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[1] Englisch „to cover”. Black, Jeremy, George, Andrew, & Postgate, Nicholas. A Concise Dictionary of Akkadian. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2000. S. 107.
[2] Jursa, Michael. Die Babylonier. Geschichte Gesellschaft Kultur. München, Verlag C. H. Beck, 2004. S. 120.
[3] Englisch „to be magnificent”. Black, Jeremy, George, Andrew, & Postgate, Nicholas. A Concise Dictionary of Akkadian. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2000. S. 352.
[4] Maul, Stefan M. Gilgamesch. München: Verlag C. H. Beck, 2007. S. 14-15. weiter lesen »
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