Frauen und Reiseliteratur

Annemarie Schwarzenbach. Winter in Vorderasien. Tagebuch einer Reise. 1934.
Lieve Joris. Die Tore von Damaskus. 1998.
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Der redaktionelle Text der neuen Ausgabe von Annemarie Schwarzenbachs Tagebuch behauptet, ihre Sprache zeichne sich aus durch Klarheit und Objektivität.Das sind genau so richtig nichtdie Wörter, die ich zur Beschreibung ihrer Reisenotizen gewählt hätte. Absolut nicht klar, sondern von einer poetisierenden Distanziertheit und impressionistischen Melancholie, neblig wie der Winter, den sie beschreibt, ist dieses Tagebuch. Schwarzenbach schwebt über die Landschaft. Fakten, Zeit- oder Entfernungsangaben sind selten – dafür gibt es schöne, fast unheimlich entrückte Winterlandschaftschilderungen. Nur ein Beispiel: „Ich sah jetzt die Wüste, die sich aus dem Schlaf befreite, und es war, als sei man der erste Mensch und die Erde tauche soeben aus der Urnacht und werde vom frühen milchigen Licht getroffen“. [S. 88.]

Ich würde ihre Art von Schreiben nicht objektiv nennen, sondern eher überdistanziert – so zurückhaltend dass es manchmal unangenehm kalt wirkt. Meine private Klatsch-&-Tratsch-Quelle berichtet, sie habe ein Problem mit Drogenkonsum gehabt. Freilich erwecken die Schwarzenbachianischen Beschreibungen wirklich oft den Eindruck, als wären sie von einem Junkie geschrieben.

Sie scheint nur eine wirklich persönliche Meinung zu haben, die sie ad nauseam wiederholt: ihre snobistische Haltung anderer Touristen gegenüber. „Es ist schade, dass diese Ruine so leicht erreichbar geworden ist,“ seufzt sie S. 91 und passim. Dies ärgert den Leser umso mehr, wo sie doch offensichtlich ganz intensiv Gebrauch macht von ihren privilegierten Kontakten zu z. B. Sir Leonard Woolley und Dr Jordan und andere Promis, die damals im Nahen Osten tätig waren.

Sechzig Jahre später hat Lieve Joris genau wie Annemarie Schwarzenbach den Nahen Osten, Mittel- und Osteuropa, Afghanistan und Belgisch-Kongo besucht und beschrieben.
Lieve Joris geht ganz anders vor als Annemarie Schwarzenbach. Sie bleibt längere Zeit in einem Ort, lebt sich ein, knüpft Kontakte, schließt Freundschaften. Lieve Joris schreibt in einer klaren, trügerisch-einfachen Sprache über die kleinen Geschichten kleiner Leuten, und
wirft auf diese Art und Weise Licht auf die „Große Geschichte“. Diesen persönlichen Ansatz kombiniert sie mit gründlichster Recherche und einem ganz genauen Verständnis der Daten.

Ein prägnantes Beispiel aus ihrem Buch Die Tore von Damaskus:

„Die französischen Bücher, die sie zu dieser Zeit gelesen hat, stehen säuberlich aufgereiht im Schlafzimmer. Sartre, Camus, Pascal, Descartes – sie redet von ihnen, als sei seither nichts neues mehr geschrieben worden, als habe die Außenwelt aufgehört, Signale auszusenden. Die Bücher gehören zu einer Phase ihres Lebens, die ein abruptes Ende fand, als die mukhabarat[1]<-Leute in ihr Haus eindrangen.

In ihrer Studentenzeit hatte die Religion keine Rolle gespielt, nie hätte sie sich dafür interessiert, ob ihre Kommilitonen Moslems oder Christen waren; sie fühlte sich mit ihnen durch internationale Ideen verbunden. Inzwischen aber hat sich jeder auf sich selbst zurückgezogen und beäugt die anderen mit Argwohn.

‚Die Leute gehen in die Moschee, weil sie sich sonst nirgends zu äußern wagen‘ sagt sie. ‚Das ist die einzige Versammlung, die nicht verboten ist.Wenn sonst irgendwo zehn Menschen zusammenkommen, werden sie sofort verdächtigt, eine politische Vereinigung zu bilden‘.“ [pp. 46-47]

Lieve Joris:
Video über die Situation in Congo:
http://fora.tv/2008/04/28/Lieve_Joris_on_the_Tutsi-Congolese_Conflict

http://fora.tv/2008/04/28/Lieve_Joris_on_the_Presidency_of_Joseph_Kabila

Telegraph Review „The Rebel’s Hour“:
http://www.telegraph.co.uk/arts/main.jhtml?xml=/arts/2008/08/16/bojor116.xml

Annemarie Schwarzenbach:
http://www.new.facebook.com/pages/Annemarie-Schwarzenbach/7789167545

Annemarie Schwarzenbach beim Lenos Verlag:
http://www.lenos.ch/autoren/schwarzenbach.html


[1] Die Geheimpolizei Syriens.

If you like this blog, please consider buying me a cocktail – Caipirinha is my favourite :-)

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